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Was für ein Glück es doch ist, dass man auf der iberischen Halbinsel nur wenige unachtsame Schritte tun muss, bevor man sich eine Beule holt an den Mauern irgendeines - mehr oder weniger gut erhaltenen - mittelalterlichen Kastells. Wäre Spaniens Castillo-Quote niedriger, manchen frisch gebackenen Kellereibesitzer hätte wohl schon die Taufe seiner Bodega in verzweifelte Stunden getrieben. So, wie die Dinge aber einmal stehen, liegen, verrotten oder restauriert werden, ist das nächste Castillo garantiert nur einen Steinwurf entfernt und verleiht der Kellerei mit seinem Namenszug aristokratischen Touch und historische Patina. Was ficht es den glücklichen Bodeguero da schon an, dass sich die einzig erwähnenswerte Beziehung zwischen Kastell und Kellerei häufig auf eben jenen Steinwurf beschränkt?
Bodegas Castillo de Sajazarra hat mit solch dubiosem Castillo-Zauber nichts gemein, eher handelt es sich um die Geburt einer Bodega aus dem weinseligen Geiste verblichener Schlossbewohner: eine mittelalterliche Weinpresse, die man während der Restauration des Sajazarra-Schlosses in dessen Kellergewölben entdeckt hatte, brachte die Eigner-Familie Libano überhaupt erst auf die Idee, an diesem - mithin traditionsreichen - Ort Wein herzustellen. Verfolgt wurde diese Idee sofort mit großem Elan. Man erwarb Anbauflächen am Fuße der Obarenes-Berge, dazu einige Barriques, und konnte sich 1973 über den ersten Wein aus eigener Produktion freuen, dessen erstaunliche Qualität aus einem eher abenteuerlichen Unterfangen ein kommerzielles Projekt werden ließ. Neue Kellereigebäude wurden zu diesem Zweck in den Gärten des Schlosses errichtet, in denen heutzutage mit neuester Technik und auf höchstem Niveau Wein ausgebaut wird.
Inzwischen beläuft sich die überwiegend mit Tempranillo, aber auch Graciano und Garnacha bepflanzte Anbaufläche im Süden der Obarenes-Berge auf 48 Hektar. Man kann, da Reben bekanntlich masochistisch sind - sie geben ihr Bestes, wenn man ihnen ordentlich zusetzt - präzisieren: 48 Hektar bester Lagen, denn es herrschen "Weinbau-ist-gerade-noch-möglich-Bedingungen". Die kalkhaltigen, nährstoffarmen und unbewässerten Böden liegen auf einer Höhe zwischen 500 und 700 Metern, wo die Unterschiede zwischen Tag- und Nachttemperaturen bis zu 20°Celcius betragen und den Rebstöcken der Nordwind um die Trauben pfeift.
Die Kultivierung solcher Weinberge erfordert, zumal da auf den Einsatz chemischer Mittel verzichtet wird, ein höchstes Maß an Sorgfalt. Die trifft man auch in allen weiteren Stadien der Weinbereitung an. Ein wenig Faktenhuberei: Nach Weinbergen getrennte Lese von Hand, Transport in die nahegelegene Kellerei in 25kg-Körben, dort eine zweite manuelle Selektion der besten Trauben; Ausbau in Tanks aus nichtrostendem Stahl bzw. Holzbottichen bei zweimaliger Kontrolle pro Tag; temperaturkontrollierte Fermentation, die malolaktische Gärung des hochwertigsten Leseguts findet in neuen französischen Holzfässern statt. Der Barrique-Ausbau erfolgt in Fässern mit einem Durchschittsalter von 3,5 Jahren, 40 Prozent der Barriques sind aus französischer, der Rest aus amerikanischer Eiche gefertigt. Den regelmäßigen Umfüllungen gehen ebenso regelmäßige Analysen voraus, um festzustellen, welcher Fasstypus sich für den weiteren Ausbau am besten eignet. Vielleicht dürfen wir hier die Beschreibung der Weinbereitung mit einem Schlagwort abkürzen: state of the art!
Im Einklang mit dem Wind
Wind hat vorwiegend eine positive Wirkung auf die Kultivierung der Reben. Das ist bekannt. In den Höhen
allerdings, in denen sich die Lagen von Castillo de Sajazarra zum Teil befinden,
muss man auch einiges zum Schutz gegen selbigen unternehmen. Für die höchsten bepflanzten Lagen der
Rioja Alta (670m) ist eine
Bruchprophylaxe unabdingbar.
Deshalb werden auch die Spaliere zum Hang und nicht wie sonst üblich quer gepflanzt. Zum Hang querstehende
Spaliere würde sonst der starke, vom Atlantik herrührende Nordwind wie eine Domino-Reihe in die Horizontale zwingen.
Windige Prophylaxe
Von der Wirkung des Windes auf die Rebkulturen kann der
Önologe von Castillo Sajazarra
einiges berichten. Zunächst einmal hat kalter Wind den angenehmen Nebeneffekt, dass er die geflügelten
Insekten in wärmere Zonen vertreibt, in denen sich diese dann festsetzen. In diesem Fall sind die Schädlinge
auch mal empfindlich, und so wirkt die windige Unterkühlung als willkommene Schädlingsprophylaxe.
Wenn Pflanzungen zudem im Spalier licht in Windrichtung angelegt sind, so dass Luft und Sonne alle Pflanzenteile
erreichen, kann der Wind eine weitere positive Wirkung entfalten. Grundsätzlich stellt Pilzbefall an der Rebe
in allen Vegetationsphasen ein großes Problem dar. Stockende Luft bzw.
fehlende Luftzirkulation an Trauben und
Rebstock unterstützen den Pilzbefall erheblich. Wenn aber nach einem Regenfall (selbst bei bedecktem Himmel)
eine frische Brise aufkommt, befreit sie schnell den Rebbestand von stauender Nässe bzw.
Feuchtigkeit.
Romantisch liegt das Castillo inmitten von Weinbergen im Nordwesten der Rioja Alta
Je natürlicher der Anbau, desto mehr natürliche "Freunde" wollen am Rebertrag partizipieren. Aber vergessen Sie mal kurz die reflexartig ausgelösten Assoziationen von Läusen und deren Insektenverwandtschaft. Es finden sich durchaus noch ganz andere Nachbarn ein, deren Aufenthalt in den Rebkulturen eher von zweifelhafter Natur ist! Zweibeinig: Wachteln, Drosseln und Touristen. Vierbeinig: Kaninchen, Rehe und Wildschweine. Letztere werden das spanische Wort für Wildschwein">Jabali genannt. Ihre Anwesenheit belegt der traurige Rest des gebissenen Rebstockes. Daher pfanzt man sicherheitshalber extra Rebstöcke für diese Besucher. Ob das gegen die Touristen hilft, ist allerdings nicht bekannt.