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Wenn es um die Beschreibung von Aromen geht, ist plötzliche Sprachlosigkeit ein häufig anzutreffendes Phänomen. Über den Grund dafür muss man sich nicht lange den Kopf zerbrechen. Meist nehmen wir unsere Geschmackserlebnisse nicht bewusst wahr, bestenfalls en passant, und noch viel weniger sind wir daran gewöhnt, sie zu beschreiben. Auch hier gilt freilich: das gekonnte Beschreiben von Wein ist keine Sache, die gustatorischen Ausnahmetalenten vorbehalten bleibt. Jeder kanns -- und alles, was es dazu braucht, sind einige Sekunden der Achtsamkeit. Wer trinkt schon Wein mit dem Vorsatz, dabei keinerlei Genuss zu verspüren?
So befremdlich die Terminologie, die bei der Weinbeschreibung zum Einsatz kommt, bisweilen auch wirken mag, ihre Prinzipien sind eigentlich jedem geläufig. Die Befremdlichkeit der einschlägigen Terminologie beruht ja im wesentlichen darauf, dass die Worte, mit denen Geschmack, Aromen und Bukett eines Weines beschrieben werden, oft in keinerlei Beziehung mehr stehen zu den Dingen, die man typischerweise isst oder trinkt. Hand auf's Herz, haben Sie schon mal einen runden oder eckigen Wein gesehen? Gewiss, auch als Fußballmuffel ist einem sofort der Sinn der griffigen Formulierung deutlich, dass das Runde ins Eckige muss. Aber da hat man es eben auch mit runden und eckigen Realitäten zu tun. Nicht so beim Wein. Hier beruht Ihr Verständnis vielmehr auf der Fähigkeit, in Analogien und Bildern denken zu können. Eine Fähigkeit, über die Sie -- quod erat demonstrandum -- längst schon verfügen.
Erinnern Sie sich daran, wenn Sie das nächste Mal ratlos vor einem Glas Wein sitzen und sich in Ermangelung
von Geistesblitzen die Aromen aus den Fingern zu saugen beginnen: Sie können das bereits. Und erinnern Sie
sich außerdem an das, was Ihnen bei der Wahrnehmung der Farbe und des Geruches des Weins aufgefallen ist.
Meist ergibt sich schon aus diesen Hinweisen fast wie von selbst ein erster Ansatz zu einer sinnvollen
Beschreibung. Im Übrigen: Schrittweises Vorgehen weist Ihnen in der Regel sichere Wege aus der Sprachkrise.
Mit Konzentration und guter Beobachtung werden Sie immer mehr über den Wein erfahren können, und diese
Erfahrungen intensivieren den Genuss -- intensivieren Sinn und Zweck der ganzen Übung, heißt das.
Noch ein Wort zur Terminologie: Wie im Abschnitt
"Schritt 2: Riechen"
schon erwähnt, gibt es keinen
für alle Zeiten gültigen und unantastbaren Begriffskanon für das Beschreiben von Weinen. Das bedeutet jedoch
nicht, dass nicht doch ein spezifisches Weinvokabular -- eine Art Schnittmenge aller verwendeten Beschreibungen
-- existiert, dass sich in stetem Gebrauch als zweckdienlich erwiesen hat. Und unverzichtbar ist: Bar
jeglicher Bedeutungsvereinbarungen wäre es schlichtweg nicht möglich, sich überhaupt über den Geschmack von
Wein zu verständigen. Wenn man das Runde und das Eckige im Wein versteht, stehen einem also
Analogien bzw. Bilder zur Verfügung,
deren Bedeutung schon vereinbart wurde -- wenn auch nicht von der Duden-Redaktion, aber das tut der
Wirksamkeit solcher unausgesprochenen Vereinbarungen keinen Abbruch. Schließlich lernt man seine Muttersprache
ja auch nicht aus dem Duden. Und wie die Muttersprache befindet sich das Weinvokabular nicht gleichsam in
einem festen, sondern einem flüssigen Aggregatzustand: Es ist stetem Wandel unterworfen und wartet darauf,
angereichert zu werden. Individuelle Noten sorgen immer für Bereicherung, erweitern unseren Wortschatz und
finden womöglich irgendwann sogar Eingang in die Schnittmenge.
Welchen Faktoren verdankt sich eigentlich der spezifische Geruch und Geschmack eines Weines, der anhand eines solchen Wortschatzes beschrieben wird? Der Zahl nach sind es wahrscheinlich unendlich viele Einflüsse, die hier eine Rolle spielen, aber es gibt natürlich Hauptverdächtige: Eine wesentliche Rolle spielen in erster Linie die Aromen der verwendeten Rebsorte, die etwa den Geschmack in Richtung von dunklen Beerenfrüchten, Kirsche, Holunder, Apfel, Aprikose oder Muskat beeinflussen. Sodann tut auch der Zeitpunkt der Lese seine Wirkung, wenn es um die Stilistik des Weines geht: Wird früh geerntet, erhält man beispielsweise eine lebendige Säure, erntet man reife Trauben, hat man es auf vollmundige und üppige Weine abgesehen. Auch die Art und Weise der Weinherstellung beeinflusst die Aromen des Weines. Wurde z.B. ein Weißwein bei niedrigen Temperaturen vergoren, so bilden sich markante Fruchtnoten ähnlich der Banane oder dem Eisbonbon heraus. Woran mal wieder ersichtlich wird, dass die Ausbildung zum Weingenießer schon im zarten Kindesalter beginnt. Finden Sie in einem Wein Aromen von Toast, Nelke, Zimt, Vanille, Schokolade, Karamell oder Kaffee, so ist das ein sicherer Hinweis auf den Ausbau des Weines in Barriques (Eichenholzfässer mit einem Fassungsvolumen von 225 Liter). Neben Rebsorte, Lesezeitpunkt und Weinherstellung haben also auch die Lagerungs- und Reifebedingungen des Weines einen großen Einfluss auf Bukett und Aroma.
Da war noch was. Sie kennen das vom Theater: Die Schauspieler verschwinden nach einer guten Vorstellung nicht gleich hinter dem Vorhang, sondern sonnen sich noch ein Weilchen im Rampenlicht. So ähnlich verhält sich ein guter Wein: Er zieht, wenn man ihn herunterschluckt, nicht einfach Leine, sondern zieht an der Reißleine. Was sich daraufhin öffnet, nennt man den Abgang. Ein Sujet, an dessen angemessener Behandlung sich wackere Weinkenner -- oder solche, die sich dafür halten -- bisweilen regelrecht abzuarbeiten scheinen. Kann man doch bei so mancher Weinprobe immer wieder den Eindruck bekommen, dass es zu den höchsten Weihen des Weinverkostens gehört, sich eine beträchtliche Zeit an just diesem Abgang zu ergötzen und darüber weltabgewandt philosophieren zu können (falls denn einer da ist, ein Abgang). Das mag nun freilich ein jeder halten, wie er wolle. Wir wollen hier nur noch kurz anfügen, was gemeint ist, wenn vom Abgang die Rede ist: Man beschreibt damit schlicht die Nachhaltigkeit der Wahrnehmung der Aromen, die der Wein nach dem Schlucken am Gaumen hinterlässt. Die Länge des Abganges gibt mithin einen Hinweis auf die Qualität des Weines. Sie erahnen gewiss schon die einschlägige Regel: Je länger, desto besser! Da schau her.